Was Lärm mit den Ohren macht

29.07.2026

Der britisch-deutsche Hörforscher Geoffrey Manley hat viele Jahrzehnte lang das Gehör von Reptilien, Vögeln und Säugetieren einschließlich der Menschen untersucht. Mehrere Jahre war er Gastforscher am Exzellenzcluster Hearing4all. Vor Kurzem hat Manley sein neues Buch „Hör mal!“ veröffentlicht. Es ist auf verschiedenen Plattformen, zum Beispiel hier (https://buchshop.bod.de/hoer-mal-geoffrey-manley-9783696365677), als Taschenbuch oder E-Book verfügbar. Ein Gespräch über das Gehör, Lärm und was wir tun können, um unsere Ohren zu schützen.

Was sind die Vorteile von Ohren gegenüber den anderen Sinnessystemen wie Auge und Nase?

Man kann natürlich die verschiedenen Sinnesorgane und Dinge wie Schall, Gerüche und Licht kaum direkt miteinander vergleichen. Der große Vorteil des Gehörs ist es, nicht auf Licht angewiesen zu sein, und auch die Position des Körpers spielt bei der Sinneswahrnehmung kaum eine Rolle. Tiere und Menschen können Töne aus ganz verschiedenen Richtungen hören, unabhängig von der Tageszeit und ohne sich zum Sender orientieren zu müssen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Produktion von Schall beim Sprechen viel weniger Energie benötigt als visuelle Kommunikation, etwa wenn ich jemandem durch eine Armbewegung zuwinke, anstatt zu rufen. Die mündliche Kommunikation spart also Energie, die wir für andere Dinge aufwenden können. Mit meinem Buch möchte ich Interesse wecken für das Hören als Wunderwerk der Natur, aber auch deutlich zeigen, dass unser Hörsystem leicht zu schädigen ist und mehr Schutz benötigt.

Wie hören wir Menschen?

Wenn wir uns die Entwicklungsgeschichte der Primaten, zu denen wir Menschen auch gehören, ansehen, stellen wir fest, dass im Laufe der Zeit die Körpergröße zu- und zugleich die Fähigkeit, hohe Frequenzen zu produzieren und zu hören, abgenommen hat. Kleinere Affen haben oft ein Hörvermögen, das bis zu Frequenzen von 40 oder 50 Kilohertz reicht. Schimpansen, Gorillas und Menschen erreichen eher 16 bis 20 Kilohertz. Unser Innenohr ist so aufgebaut, dass es für die Verarbeitung von tiefen Frequenzen mehr Platz bietet als für die von hohen Frequenzen. Tiefe Frequenzen können leichter Hindernisse überwinden als hochfrequente Geräusche. Zudem haben sie mehr Reichweite. Es ist also ein evolutionärer Vorteil, tiefe Frequenzen hören zu können.

Menschliche Ohren können auch Töne abgeben, die sogenannten otoakustischen Emissionen. Wofür können wir uns dies zunutze machen?

Ende der 1980er wurde bei Experimenten herausgefunden, dass das menschliche Ohr Töne abgeben kann, wenn es zuvor mit kurzen Klick-Lauten beschallt wurde. Ein paar Jahre später hat man entdeckt, dass sich diese vom Ohr ausgehenden otoakustischen Emissionen nicht nur provozieren lassen, sondern dass das Ohr diese auch spontan abgeben kann. Dieses Wissen kann man sich zunutze machen, etwa indem man verschiedene Abschnitte des Innenohrs beschallt und prüft, ob es otoakustische Emissionen abgibt. Tut es dies, bedeutet das, dass das Innenohr gut funktioniert. Spontane Emissionen bieten zudem die Möglichkeit, objektiv und zerstörungsfrei die Mechanismen der Funktion der Sinneszellen zu untersuchen.

Gesundheitliche Probleme, die das Hören betreffen, sind ein Schwerpunkt des Buches. Welche Rolle spielt Lärm für die Entstehung von Hörverlust, gerade auch im Vergleich zu anderen Faktoren wie dem Alter?

Forschende haben bei Studien festgestellt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner abgelegener Dörfer im Sudan beziehungsweise der Osterinsel im Pazifik im hohen Alter deutlich besser hören als Gleichaltrige in westlichen Staaten. So ist der Hörverlust gerade bei hohen Frequenzen mit wachsendem Alter deutlich schwächer ausgeprägt als bei Seniorinnen und Senioren in Europa und den USA. Ältere Studienteilnehmende in den USA konnten bestimmte hochfrequente Töne nur hören, wenn sie mit 60 Dezibel mehr an Lautstärke abgespielt wurden als bei jüngeren Teilnehmern. Das bedeutet, dass diese älteren US-Amerikaner im Vergleich zu jüngeren rund den tausendfachen Schalldruck benötigen, um einen hohen Ton hören zu können, während bei den Einwohnern der Osterinsel der zehnfache Schalldruck ausreicht. Dies zeigt: Zwar hat das Alter einen Einfluss auf das Hörvermögen, aber andere Faktoren wie Lärm spielen eine größere Rolle.

The picture shows Geoffrey Manley. He holds his book “Ears wide open” and smiles into the camera.
Geoffrey Manley mit seinem Buch. Foto: Ansgar Rudolph

Sie sprechen im Buch von Lärm als „eines der schädlichsten und allgegenwärtigsten Übel der modernen Gesellschaft“. Er schädige das Gehör, sei ein psychischer Stressor und könne Bluthochdruck verursachen. Was können wir im Alltag gegen dieses „Übel“ tun?

Lärm kann auf zwei Wegen das Gehör schädigen. Lärm, also ein hoher Schalldruck, schädigt zum einen direkt das Gehör, er verursacht zum anderen aber auch Stress, der mitverantwortlich sein kann für Bluthochdruck. Und zu hoher Blutdruck kann wiederum das empfindliche Innenohr schädigen. Dagegen können wir aber etwas tun! Am besten ist es, sich gar nicht erst zu exponieren, also laute Geräusche zu meiden, etwa indem man Musik leiser abspielt. Zudem sollte man immer dann, wenn man mit lauten Geräten arbeitet, etwa Staubsaugern oder Rasenmähern, Gehörschutz tragen. Die Schwelle dafür würde ich bei 75 Dezibel ansetzen. Jedes Gerät beziehungsweise sein Handbuch enthält Angaben zur Lautstärke. Jeder Schutz ist dabei besser als kein Schutz: Bei einem lauten Konzert, falls man Gehörschutz vergessen hat, kann es schon helfen, sich Teile von angefeuchteten Taschentüchern ins Ohr zu stopfen. Ich wünsche mir auch, dass die Politik Schallquellen – wie bei öffentlichen Musikdarbietungen – mehr reguliert, um die Hörgesundheit der Zuhörenden zu schützen. Zum Beispiel sollten die Verantwortlichen vorschreiben, dass Geräte leiser zu sein haben, falls dies technisch möglich ist. Auch internationale Wettbewerbe, wer die leisesten Geräte produzieren kann, wären zu begrüßen.

Leiden Kinder unter genetisch bedingten Hörschädigungen, kann dies die Entwicklung ihres Gehirns beeinträchtigen. Welche Mittel gibt es, betroffenen Kindern zu helfen?

Cochlea-Implantate (CI) helfen dann sehr gut, wenn der Hörnerv noch funktionsfähig ist, denn viele genetische Probleme betreffen die Haarzellen des Innenohres, nicht die Nerven. Aber vor allem bei komplexen genetischen Problemen, bei denen mehrere Gene betroffen sind, ist Hilfe leider sehr schwierig. Ist „nur“ ein Gen betroffen, fällt die Hilfe seit kurzem deutlich leichter. Es gibt nämlich inzwischen erste Therapien, bei denen man ein einzelnes Gen mit Bezug zur Hörfunktion austauscht. Bei der Otoferlin-Taubheit können die Signale nicht an den Hörnerv weitergeleitet werden, weil das dafür notwendige Protein Otoferlin in den Sinneszellen seine Funktion nicht erfüllt. Bei der neuen Gentherapie bringen Mediziner in einer Operation ein gesundes Gen in das Innenohr ein. Dafür legen sie einen Zugang zum Innenohr, um ein Virus als „Taxi“ für das intakte Gen mithilfe eines feinen Katheters dorthin zu bringen. Erste Versuche waren bei Kindern erfolgreich, sodass die meisten von ihnen jetzt hören können. In den USA wurde die Therapie daher bereits zugelassen. Solche Gentherapien helfen vor allem dann, wenn man früh mit ihnen beginnt, da erst die Nervenfasern, dann die Sinneszellen mit zunehmendem Alter absterben – und diese Zellen lassen sich noch nicht ersetzen.

Sie schreiben, man sollte Kindern so früh wie möglich beibringen, leise zu sein. Aber gehört es nicht zur Natur von Kindern, auch mal laut zu sein?

Das ist eine gute Frage. Es liegt ja ganz viel in der Natur von Kindern – und Menschen insgesamt, etwa Aggression, und wir versuchen, dies durch Erziehung und Lernen in gute Bahnen zu lenken. Klar ist aus meiner Sicht, dass wir insbesondere in Schulen und Kindertagesstätten oft zu hohe Schallpegel haben. Sind die Kinder und Lehrkräfte diesen Pegeln zu lange ausgesetzt, sind diese schädlich für sie. Wir als Gesellschaft sollten es als Aufgabe sehen, es Kindern früh beizubringen, etwas leiser zu sein. Natürlich dürfen Kinder auch mal schreien oder laut sein, aber ein permanent zu hoher Schallpegel tut niemandem gut. Es wäre gut, wenn wir uns alle von klein auf an eine leisere Gesellschaft gewöhnen würden. Wir akzeptieren überall im Leben viel zu viel Krach!

Tinnitus gehört zu den häufigsten Hörproblemen. Wie entsteht er und was sind aktuelle Behandlungsansätze?

Tinnitus hängt oft eng mit Hörverlust zusammen. Man hat herausgefunden, dass beim Hörverlust zuerst diejenigen Nervenzellen im Ohr versagen, die Schalle von mittleren Tonpegeln übertragen. Diese mittleren Pegel sind besonders wichtig, um gesprochene Sprache zu verstehen. Sterben diese Zellen ab, ändert sich auch das Gehirn, da Informationen verloren gegangen sind. Man vermutet, dass wenn bestimmte Nerveneingänge zum Hirn versiegen, dieses dann andere Eingänge ohne „Sinn“ verstärkt. Somit ist Tinnitus wahrscheinlich ein Phantom-Empfinden, das oftmals auf dieser abnormalen Hirnaktivität beruht. Mit Therapien tut man sich bis heute schwer. Ein Ansatz liegt in CIs, da diese wieder neue Eingänge schaffen. Allerdings sind CIs nur in schweren Fällen angebracht.

Sie warnen davor, Taubheit zu stigmatisieren. Insbesondere manche Menschen, die seit Geburt taub seien, sähen ihre Taubheit nicht als Behinderung, sondern als „kulturelles Merkmal“. Wie kann die Gesellschaft wertschätzend mit diesen Menschen umgehen?

Wir sollten sie unterstützen, so gut es geht. Viele von ihnen haben natürlich Gruppen gegründet, in denen sie sehr gut miteinander kommunizieren können, etwa über die Gebärdensprache. Es ist bemerkenswert, wie viele Menschen mit angeborener Taubheit sehr gut mit ihrer Einschränkung klarkommen. Und daher sehe ich auch überhaupt keinen Grund, irgendeinen Druck auf diese Menschen auszuüben, eine Hörhilfe oder ein CI zu verwenden. Stattdessen sollten wir unseren Teil dazu beitragen, dass sie selbstbestimmt ein glückliches Leben führen können.

Interview: Henning Kulbarsch

Zur Person: Geoffrey Manley ist Neurobiologie und Physiologe. Er hat in Cambridge (UK) und Princeton (USA) studiert. Von 1970 bis 1978 war er an der McGill University in Montreal tätig, bevor er von 1980 bis 2011 Professor für Zoologie an der TU München war. Nach seiner Pensionierung war er von 2010 bis 2025 im Rahmen des Exzellenzclusters „Hearing4all“ Gastforscher an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Evolution des Ohrs der Wirbeltiere einschließlich der des menschlichen Gehörs sowie nichtinvasive Verfahren zur Untersuchung der Cochlea-Funktion einschließlich der Biophysik der otoakustischen Emissionen bei Tieren und Menschen. Manley hat über 200 Publikationen veröffentlicht.